Sieht ein Tellergericht super aus und ist liebevoll angerichtet, erwarten die Essenden einen Gaumenschmaus. So ähnlich scheint es sich zu verhalten, wenn die Personen gegenüber attraktiv wirkt. Schon denkt unser Hirn, dass diese Person auch ein tolles Verhalten an den Tag legt. Und wir wissen alle, dass genau das täuschen kann. Die Studie zeigt: Die Beziehung zwischen Attraktivität und prosozialem Verhalten ist komplexer als bisher angenommen.
Es ist angerichtet
Die Studie «The beauty of prosocial behavior: The bi-directional link between attractiveness and prosocial behavior» beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen Aussehen und Verhalten. Die zentrale Frage: Trauen wir attraktiven Personen weniger Böses zu und glauben ihnen mehr? Die Forschenden wollten es also wissen und liessen Teilnehmende der Studie Avatar-Bilder beurteilen. Das Ergebnis ist eindeutig:
- Ja, wir tendieren dazu, von attraktiven Menschen prosozialeres Verhalten zu erwarten. nd wir glauben ihnen wahrscheinlich auch den grössten Bullshit. Dies wird als „Beauty-is-good“-Stereotyp bezeichnet.
- Prosoziales Verhalten machte die Avatare in den Augen der Teilnehmer tatsächlich attraktiver. Dies nennt man den „Good-is-beautiful“-Bias.
- Es gibt eine bidirektionale Beziehung: Menschen, die stärker an den „Beauty-is-good“-Bias glauben, zeigen auch einen stärkeren „Good-is-beautiful“-Bias.
Also Frage an mich selber
Wie oft habe ich jemanden attraktiver gefunden, nachdem ich von einer guten Tat erfuhr? Oder umgekehrt: Wie oft sank meine Meinung von jemandem, wenn sich diese Person egoistisch verhielt? Wenn wir unser eigenes Verhalten als egoistisch und moralisch verwerflich erachten, wie beurteilen wir uns dann selbst? Verheerend.
Fragen über Fragen
Besonders faszinierend fand ich, dass Menschen, die ohnehin glaubten, dass Attraktivität und prosoziales Verhalten zusammenhängen, diesen Effekt noch stärker wahrnahmen. Es scheint, als würden unsere Überzeugungen unsere Wahrnehmung stark beeinflussen – ein klassischer Fall von Bestätigungsfehler1.
Interessanterweise diskutiert die Studie auch die mögliche ökologische Rationalität2 dieser Verzerrungen. In einer Welt, in der wir oft mit begrenzten Informationen Entscheidungen treffen müssen, könnte die Verknüpfung von Attraktivität und prosozialem Verhalten eine nützliche mentale Abkürzung sein. Allerdings birgt dies auch die Gefahr der Diskriminierung gegen weniger attraktive Menschen.
Diese Studie wirft für mich weitere Fragen auf, vor allem mit Bezug auf Kommunikation: Wie sehr beeinflussen oberflächliche Merkmale unser Urteil über andere und ihre Aussagen? Und glauben wir ihnen dann tatsächlich mehr und öfter? Oder umgekehrt: Können unattraktive Menschen Missinformationen und Fake News nicht so glaubhaft verbreiten?
Selbstreflexion
Und damit kommt bei mir die Frage auf: Können wir uns selbst „umprogrammieren“ und unsere Vorurteile abbauen? Stellt Euch vor, wir könnten Botschaften und Stories mit einem kristallklaren Blick verifizieren, ohne dass unser Hirn uns ständig einen Streich spielt. Vielleicht ist das der Schlüssel: Weniger aufs Aussehen achten und mehr Wert darauf legen, wie wir mit anderen umgehen. Das würde uns authentischer machen.
Fakt ist: Unsere sozialen Wahrnehmungen sind komplex und dynamisch. Ich werde versuchen, bewusster darüber nachzudenken, wie ich andere beurteile und wie ich selbst wahrgenommen werden möchte.
Was denkt Ihr?
- Der Bestätigungsfehler – oder „Confirmation Bias“ – beschreibt die Tendenz, Informationen so auszuwählen, zu interpretieren und zu erinnern, dass sie die eigenen Vorannahmen oder Hypothesen bestätigen. Es ist eine Form der kognitiven Verzerrung, bei der Menschen dazu neigen, Informationen zu suchen oder zu bevorzugen, die ihre bestehenden Überzeugungen unterstützen, während sie widersprüchliche Informationen ignorieren oder abwerten. Vgl.: https://hub.hslu.ch/business-psychology/bestaetigungsfehler/ ↩︎
- Der Begriff „ökologische Rationalität“ in diesem Kontext bezieht sich auf die Idee, dass bestimmte kognitive Prozesse oder Heuristiken, die auf den ersten Blick irrational erscheinen mögen, tatsächlich angepasste Reaktionen auf unsere Umwelt sein können.
In Bezug auf die Studie bedeutet das Folgendes:
Umweltbedingungen: In unserem täglichen Leben treffen wir oft auf Situationen, in denen wir schnelle Entscheidungen über Kooperation oder Vertrauen treffen müssen, ohne viele Informationen über eine Person zu haben.
Verfügbare Informationen: In solchen Situationen ist das Aussehen einer Person oft eine der ersten und am leichtesten zugänglichen Informationen.
Anpassung: Die Tendenz, attraktive Menschen als prosozialer wahrzunehmen (und umgekehrt), könnte eine evolutionäre Anpassung sein. Wenn prosoziales Verhalten tatsächlich die wahrgenommene Attraktivität erhöht, dann könnte die Verwendung von Attraktivität als Hinweis auf prosoziales Verhalten in vielen Fällen zu korrekten Einschätzungen führen.
Effizienz: Diese Heuristik ermöglicht schnelle Entscheidungen mit begrenzten Informationen, was in vielen sozialen Situationen vorteilhaft sein kann.
Kontextabhängigkeit: In Umgebungen, in denen Menschen wiederholt interagieren, könnte diese Heuristik besonders nützlich sein, da sie vergangenes prosoziales Verhalten in der aktuellen Wahrnehmung der Attraktivität „speichert“.
Allerdings betont die Studie auch, dass diese Heuristik in modernen Kontexten, besonders bei einmaligen Begegnungen oder in professionellen Umgebungen, zu Vorurteilen und Diskriminierung führen kann.
Die ökologische Rationalität dieses Phänomens liegt also darin, dass es unter bestimmten Umständen eine effiziente Strategie zur Entscheidungsfindung sein kann, aber nicht unbedingt in allen modernen Kontexten angemessen ist. Es ist wichtig, sich dieser Tendenz bewusst zu sein und aktiv dagegen anzugehen, wenn sie zu unfairen Beurteilungen führen könnte. Vgl. auch mit Fokus auf begrenzte Ressourcen bei der Urteilsbildung den Artikel „Die ökologische Rationalität einfacher Entscheidungs- und Urteilsheuristiken“. Genereller noch auf Philosophie.ch: Der Weg zum rationalen Entscheiden, abgekürzt ↩︎

nices!! Ein Blick auf Truth Social