Wie gezielte Desinformation unsere Gesellschaft spaltet – und wie wir uns wehren können.
Gezielt streuen Interessengruppen Fake News und Desinformationen, um Misstrauen in Medien und Organisationen zu säen und um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Oft enden Fake News nur als Gerücht im digitalen Nirgendwo, doch manche Falschinformationen manifestieren sich in handfesten Strassenschlachten. Was macht Falschinformationen so erfolgreich? Was kann man dagegen tun? Wie kann man die eigene Kredibilität und Reputation schützen?
Wir leben in Zeiten tiefgreifender Umbrüche und komplexer Krisen.1 Angefangen bei der Inflation, die der Bevölkerung arg zusetzt, über die steigenden Energiekosten im Zuge des Russland-Ukraine-Kriegs, mit schweren Folgen für die Wirtschaft. Dies führt zu grossen Unsicherheiten in Sachen Wohlstand. Der schwer zu verstehende Klimawandel und das Thema Migration, bei dem Millionen von Menschen auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Elend sind2 führen zu existenziellen Unsicherheiten in Sachen Wohlstand und Sicherheitsgefühl.
Der Nährboden des Hasses
Diese vielschichtige Gemengelage schafft einen Nährboden für Hass und Falschinformationen, vor allem, wenn das Vertrauen in die Politik, die Unternehmen und die Medien geschwächt ist. Traditionelle Ansätze, die Welt zu verstehen, sind weniger wirksam, wodurch es einfacher wird, dass falsche Informationen sich verbreiten. Manche Gruppen nutzen das absichtlich aus, weil sie wissen, dass Menschen Fakten jetzt anders verstehen und deuten.3 Zwei aktuelle Beispiele zeigen eindrücklich, wie gefährlich Falschinformationen sein können.
Blut muss fliessen
#EnoughIsEnough, eigentlich ein Hashtag, der 2022 von britischen linken politischen Organisationen etabliert wurde, wurde 2024 von den #FarRightThugs umgenutzt. Während die politische Linke mit dem Hashtag auf die Massnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten aufmerksam machte, nutzte die politische Rechte diesen Claim zur Hetze gegen Immigranten in Grossbritannien.4
Zündfunken war ein Mord an drei Kindern, der von einem recht unbedeutenden X-Account (vormals Twitter) einem Immigranten, untergeschoben wurde. Dieser Post wäre in einer normalen Welt im digitalen Rauschen untergegangen. Doch durch weitere X-Accounts mit grösserer Reichweite verbreitete sich diese Falschinformation in wenigen Stunden landesweit und löste massive Proteste der ultrarechten Chaoten aus. Shayoni Lynn hat mit ihrer Studie die Genese nachgezeichnet.5
Haustier-Menü
Donald Trump machte das Städtchen Springfield, Ohio (USA), plötzlich sehr bekannt.6 Angeblich ässen dort eingewanderte Haitianer die Haustiere der Einheimischen. Und noch schlimmer: Die Einwanderer kämen unkontrolliert und illegal in die 80’000-Seelen-Stadt. Diese Falschmeldung wird erst erkennbar, wenn man die Hintergründe Springfields, die haitianische Einwanderung und Trumps politische Motive genauer untersucht.7
Die Ursache: Polykrise
Beide Beispiele verdeutlichen, wie Desinformation auf einem fruchtbaren Boden miteinander verbundener Krisen gedeiht:
- Lebenskrise: Migration ist in vielen Ländern ein heisses politisches Thema, das hitzige Debatten auslöst. Oppositionsparteien nutzen extreme Vorfälle, um politisch zu punkten. Dieses Muster zeigt sich gleichermassen in Grossbritannien, den USA und Deutschland.
- Sicherheitskrise: Die Einheimischen fühlen sich in ihrer traditionellen Lebensweise durch Immigration bedroht – sei es das Sicherheitsgefühl in Grossbritannien oder steigende Mieten in Springfield.
- Unsicherheitskrise: Das Misstrauen vertieft sich, da Erklärungen zur Migration zu spät kommen oder nicht glaubwürdig sind. Desinformation fügt sich zu gut in vorgefasste Weltbilder, die oft durch Verschwörungstheorien geprägt sind.
Was kann getan werden?
Die entscheidende Lösung ist eine starke Reputation sowie eine schnelle und transparente Kommunikation – von politischen Organisationen oder Unternehmen. Vertrauen8 entsteht durch faktenbasierte, verlässliche Kommunikation, die klare Argumente liefert, ohne auf Hetze zurückzugreifen. Auch das konsequente Einhalten von Zusagen stärkt das Vertrauen.
Um Glaubwürdigkeit zu wahren, müssen Organisationen die Feinheiten der Desinformation verstehen, die zugrunde liegenden Ängste (wie etwa Migrationsmythen, z. B. „Great Replacements“) ansprechen und schnell handeln, um die Verbreitung von Falschinformationen zu verhindern. Vorbereitung, Echtzeitüberwachung und frühzeitiges Eingreifen sind dabei unerlässlich.
Ja, wir leben in herausfordernden Zeiten. Je besser wir darauf vorbereitet sind und sie verstehen, desto mehr Handlungsspielraum bleibt uns.
- Vgl. die Studie von Ipsos. Diese erörtert das Konzept einer „Polykrise“ – mehrere interagierende Krisen, die grösseren Schaden verursachen als isolierte Krisen. Es untersucht, wie diese beispiellose Situation die menschliche Psychologie und das Verhalten beeinflusst und führt die Idee der „flüssigen Zeiten“ ein, in denen traditionelle Planung und Denken weniger effektiv sind. Der Text skizziert mehrere Schlüsselthemen: existenzielle Angst, das Bedürfnis nach Schutz, die Bedeutung des Ortes, der Wunsch nach Kontrolle und fluides Denken. Diese Themen werden im Kontext aktueller globaler Herausforderungen analysiert, einschliesslich Klimawandel, Pandemien und technologische Disruption. Das Dokument deutet an, dass diese Veränderungen zu einer bedeutenden Verschiebung in der menschlichen Selbstwahrnehmung und gesellschaftlichen Strukturen führen könnten. ↩︎
- World Migration Report ↩︎
- Vgl. Beitrag von Ipsos. Andere User hoffen, mit unbewusst verteilten Falschaussagen die Welt zu verbessern oder misstrauen allem so sehr, dass sie sich und andere gefährden. Vgl. In dem Beitrag bei The Conversation zeigt die Studie, dass Menschen oft glauben, dass sie anderen helfen, wenn sie sie «aufklären» und ihnen die «richtigen» Quellen zeigen. Eine andere Studie zeigt auf, hier bei Technology Review besprochen, dass vor allem durch das in der CoVid Pandemie weiter verstärkte Misstrauen in «Big Pharma» zu dramatischen Risiken führen kann. Etwa in Bezug auf das Thema Aids und HIV. ↩︎
- Vgl. CNN Beitrag und noch ein CNN Beitrag und The Guardian. ↩︎
- Hier ein Podcast dazu bei Spotify ↩︎
- New York Times Beitrag ↩︎
- Vgl. Der Podcast von der New York Times erklärt die Umstände gut. Ein Bericht des Deutschland Funk zum Thema Alternative Facts und wie Politiker diese gerne nutzen. ↩︎
- Das Thema Trust beobachtet die PR Agentur Edelman seit Jahrem im Trust Barometer. 2023 ist ein Bericht der Bundesregierung publiziert worden, um das Vertrauen in die Medien dazustellen: https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/bpb_SR_Medienvertrauen-in-Deutschland_online.pdf ↩︎


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