Das älteste Propagandamittel ist nicht die Lüge. Es ist die wahre Geschichte am falschen Ort. Genau diese Variante ist mir gestern in meinem Feed begegnet.
Es tauchen immer mehr Beiträge in meinen Social Media Feeds auf, garniert mit dem Foto einer Politikerin im Anriss. Die Texte ähneln sich immer auf eine bestimmte Art und Weise. Sie schildern persönliche Erlebnisse. Alles wahr, alles ernst zu nehmen. Am Ende steht meist eine rhetorische Frage wie etwa diese: „So, was hat das jetzt mit Deutschland zu tun?“
Darunter ein Zitat von Margaret Thatcher: „The problem with socialism is that you eventually run out of other people’s money.“ mit dem Hinweis, dass das Bild von „Sichert Deutschland“1 komponiert wurde.) Was hier passiert, ist Handwerk der Propagandisten in klarsten Form. Es funktioniert rechts wie links. Was ich hier schreibe, betrifft das Muster und nicht die politische Position.
Schritt 1: Priming – Emotionale Grundierung
Der Beitrag beginnt mit persönlichem Leid. Das ist kein Zufall, denn persönliche Geschichten aktivieren Empathie und senken die kritische Distanz, bevor überhaupt ein Argument gemacht wird. Die Leserschaft fühlt mit und ist bereit. In der Kommunikationswissenschaft heisst das Priming: Wer erst Mitleid empfindet, bewertet die nachfolgende Botschaft milder.
Dass die geschilderten Erfahrungen real und schlimm waren, steht ausser Frage. Aber real und schlimm bedeutet nicht, dass die daraus gezogenen Schlüsse richtig sind. Erfahrung legitimiert Empörung, nicht jede beliebige politische Verbindung.
Schritt 2: Die offene Frage als Einladung zur Selbstüberzeugung
„Was hat das mit Deutschland zu tun?“ ist keine Frage. Es ist eine Aufforderung. Die Autorin oder der Autor liefert keine Antwort, weil die Stärke des Tricks genau darin liegt: Der Leser stellt die Verbindung selbst her. Was wir selbst denken, glauben wir stärker als das, was uns jemand sagt. Selbsterzeugte Argumente verankern sich tiefer als fremde.2
Die Verbindung selbst bleibt unbelegt. Welche Partei, welche Massnahme, welches Gesetz in Deutschland dem Staatssozialismus polnischer Prägung ähneln soll, wird nicht gesagt. Die Assoziation steht diffus im Raum und ist als rhetorische Frage wirkmächtig.
Schritt 3: Das Zitat als intellektuelles Siegel
Thatcher verleiht dem Ganzen Seriosität. Das Zitat (auch nicht wirklich korrekt wiedergegeben)3 klingt klug und pointiert, und es beschreibt einen realen Mechanismus: Staatliche Ausgaben sind nicht unendlich. Das stimmt.
Was es unterschlägt: Derselbe Mechanismus gilt für jedes System, das mit fremdem Geld arbeitet. 2008 spekulierten Banken mit Kundengeldern, bis nichts mehr da war, woraufhin der Staat, also die Steuerzahler, die Rechnung übernahm. Das ist eher privatwirtschaftliches Versagen mit sozialisierten Verlusten und keine sozialistische Konstellation. Thatchers Diagnose passt darauf genauso. Im Originalbeitrag wird sie aber so eingesetzt, als beschriebe sie ausschliesslich linke Politik. Das ist rhetorische Vereinnahmung.
Was das bedeutet
Der Beitrag ist ein Musterbeispiel für Propaganda. Emotionale Geschichte, offene Frage, autoritatives Zitat. Es funktioniert, weil jedes Element für sich harmlos wirkt. Erst zusammen erzeugt es ein Gefühl von Bedrohung, ohne dass die Bedrohung benannt werden müsste.
Wer reale historische Erfahrungen für politische Mobilisierung einsetzt, ohne die behauptete Analogie zu belegen, nutzt das Erlebte, statt es ernst zu nehmen. Das finde ich als studierter Historiker als sehr störend. Das gilt für jeden Beitrag, der so aufgebaut ist, unabhängig davon, welche Seite ihn teilt. Den Mechanismus zu kennen, schützt nicht vor der Wirkung. Das ist der Perfide daran. Seid Euch dieses Mechanismus bewusst, vielleicht hilft das ja doch.
- SichertDeutschland ist der YouTube Kanal des deutschen AFD Politikers Martin Sichert aus Nürnberg (vor 2013 in FDP und SPD aktiv). Mehr zur Person findet sich auf Wikipedia. ↩︎
- Empirische Grundlage: Greenwalds Cognitive Response Theory (1968) und konkret für rhetorische Fragen Petty, Cacioppo und Heesacker (1981). Klassischer Vorläufer ist das aristotelische Enthymem aus der Rhetorik: ein Syllogismus mit ausgelassener Prämisse, die Rezipienten selber einsetzen und damit deutlich überzeugender sind als vorgegbene Prämissen. ↩︎
- Aus einem Thames-TV-Interview vom 5. Februar 1976. Thatcher war Oppositionsführerin, die Polemik zielte auf die britische Labour-Regierung in der Vor-IMF-Krise. Original: „Socialist governments traditionally do make a financial mess. They always run out of other people’s money.“ Die heutige Kurzform „The problem with socialism…“ ist Paraphrase. Gemeint war 1976 die Labour-Politik der Jahre 1974 bis 1976 (Verstaatlichungen, hohe Steuern, starke Gewerkschaftsmacht), also Sozialdemokratie in einer Mixed Economy. ↩︎

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